Sächsische Bibliotheksgesellschaft

Aktuelles

Literaturtipp zu 30 Jahren Deutsche Einheit

Kurt Drawert: Dresden. Die zweite Zeit. Roman. München 2020. Erschienen am 22. August.

es gibt keine Heimat, wenn es sie in uns selbst nicht gibt
Ku
rt Drawert: Spiegelland, 1992

 

Als Stadtschreiber kam Kurt Drawert 2017 zurück nach Dresden, in die Stadt, in der er von 1967 bis 1984, rund 17 Jahre gelebt hat. 1956 in Henningsdorf bei Berlin geboren, wirkt Drawert seit 1996 als freier Schriftsteller in Darmstadt. Mit Dresden. Die zweite Zeit lässt er uns in romanhaft-essayistischer Form seine Wiederbegegnung mit Dresden miterleben, ein aufwühlendes Buch. Eine schonungslose Selbstreflexion seiner Begegnung mit sich selbst, mit seinem Elternhaus, mit dem Dresden der 60er bis 80er-Jahre, „als ich hier lebte und meine Jugend an ein Land verlor, das meines nie wurde“.  

In Dresden schmerzte ihn damals und schmerzt ihn heute vor allem Zerrissenheit, Gereiztheit und Aggressivität. Mit seinem Buch „Spiegelland“ hatte er 1992 seinen Söhnen die "Abtrennung vom Namen des Vaters", die Annahme des Namens seiner Frau erklärt: Der Großvater verleugnete seine Nazibegeisterung („in ihm war die braune Unterwäsche enthalten, auf der die rote Kleidung getragen wurde“), sein Vater, ein Polizeibeamter, behandelte den unangepassten Sohn wie ein „verkommenes Subjekt“, die Mutter versuchte durch permanentes Putzen äußeren Glanz zu bewahren.

In seinem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (2008) reflektierte Drawert ein weiteres Mal sein „Rätseldasein“ zwischen „Abrichtung“ und Entkommen. Als Hilfsarbeiter in der Sächsischen Landesbibliothek konnte er verbotene Bücher lesen, betätigte sich als heimlicher Abschreiber und „Verteiler des Wissens“. „Meine innere Ausheilung der vielen Verletzungen … verdanke ich allein der Existenz dieser mithin hauptsächlich im Giftschrank zu findenden Bücher.“ Die Bibliothek ist für ihn ein Archiv der ideologischen Irrtümer und Lügen und gleichzeitig der Ausweg zu Bildung und zum Selberdenken. Mitläufertum ist ihm zuwider. „Das Begrüßungsgeld … lehnte ich übrigens ab.“

   

Buchumschlag 2020, undatiertes Foto von Ute Döring, aus „Spiegelland“ 1992

Im aktuellen Buch „Dresden. Die zweite Zeit“ kommt Drawert schnell auf PEGIDA zu sprechen. Er bemerkt „die Wiederkehr des Verdrängten“, eine „psychogene Wurzel des Hasses auf alles Fremde“: „Es gibt keinerlei Neugierde darauf, sich den fremden Blick anzueignen, um sich dadurch auch selbst neu zu sehen, sondern es wird, im strengen Vorurteil eines magischen Geheimwissens, abgeglichen, wo der Andere dem Eigenen ähnelt oder wo er verwiesen werden muss, ausgesondert und abgestempelt, weil er so gar nicht denselben Geruch hat.“

Der Autor sucht nach „Erklärungen für die vielen sozialen Paradoxien, die nirgends so augenscheinlich sind wie in Dresden“. Eine der Langzeitursachen sieht er in mangelnder Identität, im „(Bedeutungs)Loch der „D.D.R.“, in der „Labilität von Zugehörigkeit, wie ich sie am Beispiel der Entsolidarisierung mit Polen erlebte, als dort einundachtzig das Kriegsrecht aufgerufen wurde“. Eine andere Ursache sei die ewige, bis heute kultivierte Opferrolle, die Verdrängung der „Versagens- und Schulderfahrung“.

Das Trennende, Abweisende, Ausgrenzende und Diffamierende sei über die "Wende" geblieben, so Drawert, „nur sind die Objekte heute andere und heißen AfD und Pegida anstatt SED oder Stasi.“ Besonders erregt ihn deren verlogener Widerstandsgestus: „Was aber für ein Widerstand soll es sein, im Begleitschutz der Polizei am gestohlenen symbolischen Montag einen Kreis um den Dresdener Altmarkt zu laufen, despektierliche Transparente zu schwenken, die im spontanen Exzess auch zum Mordaufruf werden, und Reden anzuhören, die in ihrer Wirklichkeitsverdrehung und falschen Zeichensetzung genau das tun, wogegen sie agitieren? Dieser Widerstand kostet nichts, riskiert nichts und bedarf keiner Energie außer der, die man für einen Spaziergang benötigt; er ist keiner.“

Drawert kündigt weitere Bücher an - seine Erfahrungen und Analysen können dabei helfen, einige der Risse in der Gesellschaft besser zu verstehen. Deutschland ist 30 Jahre nach der friedlichen Revolution weniger ein zwischen Ost und West als vielmehr zwischen Verdrängern und Moralisten gespaltenes Land.

Bibliotheken sind Labore der Geschichte und darum geeignete Orte, Erfahrungen zu lesen und zu diskutieren, kultiviert zu streiten und darüber zu reden, woher wir kommen, was uns trennt, was uns verbindet - und wohin wir gehen wollen.

Thomas Bürger

Pegida und der Riss durch die Gesellschaft

Am 17. August 2020 hat sich die SäBiG an einer Demonstration gegen völkischen Nationalismus beteiligt. Während in Belarus Zehntausende mutig auf die Straßen gehen, um für Freiheit und gegen den Wahlbetrug des Diktators zu demonstrieren, nutzte Pegida-Sprecher Lutz Bachmann einmal mehr die demokratischen Freiheitsrechte, um die Demokratie selbst verächtlich zu machen. Auch wenn das Häuflein der Anhänger kleiner wird, so schafft es Pegida doch immer wieder, wenigstens viele Dresden-Besucher zu vertreiben und das Ansehen der Stadt zu schädigen.

Den Missbrauch der Sprache durch Populisten – auch bei PEGIDA-Veranstaltungen – zeigt Enno Stahl in seinem Buch „Die Sprache der neuen Rechten“ auf. Und Michael Kraske hat in seinem sehr gut lesbaren Buch „Der Riss“ nicht nur die Fehlentwicklungen analysiert, sondern bietet auch einige Lösungen: Zeigt mehr Rückgrat gegen Volks(ver)führer! Beide Bücher sind umsichtig und gut geschrieben, fair, kritisch und auch selbstkritisch. Sie sollten in allen Bibliotheken ausliegen und verdienen viele Leser.

 

    

Wie hat sich unsere Sprache in den letzten Jahren verändert? Hier zwei kluge Analysen.

 

Wie kann es sein, dass seit mehr als fünf Jahren vor der Frauenkirche, die für Frieden und Völkerverständigung wieder aufgebaut wurde, so hanebüchen und verächtlich über andere Menschen gehetzt wird? Ich persönlich kann gut verstehen, dass viele junge Leute mit Trillerpfeifen dagegen halten, um Hass, Häme und Dummschwätzerei wenigstens zu stören. Eine Lösung sind Lautstärke und Trillerpfeifen aber nicht. In einer Demokratie, die Konflikte friedlich löst, bleibt nur der mühsame Weg der Verständigung. Dieser funktioniert aber nur, wenn Grundrechte und Grundwerte anerkannt werden.

Die sächsischen Bibliotheken bieten eine Vielzahl von Angeboten für alle, die nicht nur gut unterhalten, sondern auch gut informiert sein wollen. Aich stehen die Bibliotheken als neutrale, den Grundrechten verpflichtete öffentliche Einrichtungen für fairen Streit offen. Natürlich auch für Diskussionen über die hier empfohlenen Bücher.

Thomas Bürger

 

 

Demokratie braucht Rückgrat – Eric Hattke spricht vor dem Kulturpalast

 

Unter dunklen Wolken, aber vor großer Kulisse: Pegida ohne Maske und Abstand. Corona ist nach Meinung von Populisten nur ein Betrug der Mächtigen…

Sächsischer Bibliothekspreis 2020 für Ebersbach-Neugersdorf

Die SäBiG gratuliert der Stadtbibliothek Ebersbach-Neugersdorf zum Sächsischen Bibliothekspreis 2020 sehr herzlich. Der Jury gefiel das Programm für alle Generationen besonders gut, von der Krabbelgruppe über Abende für junge Eltern bis hin zu Lesungen für Senioren. Auch aus dem benachbarten Tschechien zieht die Bibliothek immer mehr Besucher an.

Zur Zeit steckt die Bibliothek mitten im Umzug, aber am Tag der Preisverleihung, am 24. Oktober 2020, erstrahlt sie in neuem Glanz.

Auf unserer neuen Sächsischen Bibliothekslandkarte lassen sich die beiden aktuellen Standorte (z.B. über die Wortsuche) schnell finden.

Sächsische Bibliothekslandkarte

Die Sächsische Bibliothekslandkarte mit rund 450 Bibliotheksstandorten ist da. Programmiert wurde sie von den Schülern Konrad Nareike, Peter Großer und Jan Trodler. Mehr dazu unter der Rubrik Bibliotheken. Testen Sie die Karte und geben Sie uns bitte Feedback an kontakt@saebig.de

Stolpersteine Guide

Die neue Stolpersteine Guide App ist verfügbar. Lesen sie mehr dazu unter der Rubrik Projekte.

Buchtipp

Dirk Neubauer: Das Problem sind wir. München 2019
Dieses Lehrstück über die Demokratie sollte in jeder sächsischen Bibliothek ausliegen

Es war das wohl wichtigste Buch eines Bürgermeisters im Jahr 2019: „Das Problem sind wir. Ein Bürgermeister in Sachsen kämpft für die Demokratie.“ Was der Bürgermeister von Augustusburg, der frühere Journalist und Unternehmensberater Dirk Neubauer, fordert, kann in den nächsten Jahren umgesetzt werden: Mehr Autonomie für die Kommunen, mehr Mitwirkung, Verantwortung und Einfluss der Bürger. Dirk Neubauer ist seit 2013 Bürgermeister in Augustusburg und seit einigen Jahren Mitglied der SPD. Er zeigt an vielen Alltagsbeispielen seiner schönen Kleinstadt auf, warum die bisherige Förderpolitik „von oben nach unten“ der Demokratie eher schadet als nutzt.

Allerdings liege die Schuld nicht nur „bei denen da oben“, wie viele Populisten glauben machen wollen. Die Überregulierung und Kontrollwut haben wir Bürger selbst mitverschuldet, weil viele von uns lieber ihre eigenen Rechte einklagen, statt sich für das Gemeinwohl einzusetzen. An Meckerern und Besserwissern fehle es nicht, wohl aber an kompetenten Mitmachern. Wir Bürger selbst sind zu oft träge, selbstgerecht und bequem: das Problem sind wir!

Dirk Neubauer zeigt aber auch, wie es besser gehen kann. Es gibt viele gute Initiativen in den Gemeinden, um die Demokratie vor Ort zu stärken. Gute Politik ist lernfähig. Sie soll die Bürger nicht „mitnehmen“, sondern beteiligen, fordern und fördern. Dass sich in ganz Deutschland einiges ändern muss, ist offensichtlich. Viele kluge Anregungen, wie dies konkret geschehen kann, liest man bei Dirk Neubauer.

Thomas Bürger

© 2020 // Sächsische Bibliotheksgesellschaft - SäBiG

Satzung | Datenschutz | Impressum